• Sigrid Ackert

Hundeausbildung - Warum verzweifeln so viele bereits am zuverlässigen "Sitz, Platz, Komm und Bleib"?

Aktualisiert: vor 7 Tagen



Glauben Sie, dass Ihre überschwängliche Liebe zu Ihrem "Sozialpartner Hund" diesen schon irgendwann mal zum Gehorsam bewegt und bis dahin üben Sie sich womöglich in Nachsicht über sein unfolgsames Verhalten?

Haben Sie überhaupt eine Idee davon, wie man einem Hund etwas beibringen kann oder geben Sie sich mit allem zufrieden, was irgendwie zufällig klappt?

Sind Sie womöglich der Überzeugung mit dem regelmäßigen Besuch einer Hundeschule alles Menschenmögliche getan zu haben?

Wundern Sie sich, warum Ihr Hund seine Sache in der Hundeschule ganz passabel macht, dennoch aber an einen kontrollierbaren Freilauf in der Natur nicht zu denken ist?

Fragen Sie sich manchmal, warum Ihr Hund komische, häufig destruktive Eigenheiten entwickelt hat und tun diese ab mit "naja, so ist er halt"?

Ist es für Sie unvorstellbar, wie manche Hunde dennoch präzise und komplexe Aufgabenstellungen weit jenseits von "Sitz, Platz, Komm und Bleib" überaus freudig und uhrwerkgenau erledigen können wie z.B. Blinden-, Sprengstoff-, Schutz-, Hüte- oder Jagdhunde?


Was also unterscheidet den Hundeführer, dessen Hund feinsinnig auf ihn reagiert und die anspruchsvollsten Aufgaben für ihn mit beeindruckender Einsatzbereitschaft absolviert von dem Hundeführer, der irgendwie keinen Draht zu seinem geliebten Hund aufzubauen vermag und in Folge dessen schon an "Sitz, Platz, Komm und Bleib" verzweifelt?


Es sind drei grundlegende Punkte, die den Unterschied ausmachen:


Führung

Ich muss bereit und in der Lage sein in für den Hund relevanten Situationen sein Problem für ihn zu lösen. Erfährt der Hund regelmäßig, dass ich in für ihn relevanten Situationen keine Lösungen anbiete, wird er unweigerlich diesen Job übernehmen und sich innerhalb seiner Handlungsoptionen für Angriff oder Ausweichen entscheiden. Man kann sich die fatalen Konsequenzen ausmalen, die das mit sich bringen kann in einer Gesellschaft, in der Hunde allgegenwärtig sind und erwartet wird, dass der Hund den gesellschaftlichen Anforderungen entspricht. Im schlimmsten Fall entwickelt sich der Hund zur unkontrollierbaren Waffe.


Vermag ich es allerdings, die Verantwortung in für den Hund klärungsbedürftigen Momenten zu übernehmen, wird er sich vertrauensvoll zurücklehnen und mich diesen "anstrengenden Scheißjob" machen lassen.

Das schaffe ich nur, wenn ich diese Situationen nicht nur erkenne, sondern sogar antizipieren kann, also vorhersehen kann bevor der Hund sie registriert. Das ist das Anstrengende daran, denn ich muss hellwach sein, muss kritische Situationen bei Hunden im Allgemeinen und bei meinem Hund im Speziellen zunächst kennen und dann frühzeitig wahrnehmen lernen, um überhaupt noch rechtzeitig angemessen eingreifen zu können.


Diese Situationen haben in aller Regel mit Territorien, Ressourcen oder Trieben zu tun. Territoriales Konfliktpotential entsteht z.B., wenn ein Fremder auf mein Grundstück kommt, Besucher meist unbewußt, für den Hund aber unerwartet oder sogar bedrohlich agieren, aber auch, wenn ein fremder Hund bewußt oder unbewußt die imaginäre Grenze meines Hundes übertritt. Die Kontrolle über Ressourcen, wie Futter, Spielzeug oder Beute birgt für den Hund nicht nur gegenüber Artgenossen, sondern auch gegenüber dem Menschen erhebliches Konfliktpotential. Das Ausleben von Trieben, wie Jagen, Hüten oder Bewachen, hat für den Hund ein hohes Selbstbelohnungspotential, birgt aber aus der Perspektive des Menschen hohe Risiken. Ein jagender Hund kann Wild reissen, einen Verkehrsunfall hervorrufen oder verloren gehen. Ein hütender Hund hütet plötzlich alles und jeden bis zur Einschränkung der Bewegungsfreiheit. Ein Wachhund meldet nicht nur, wenn ein Eindringling naht, sondern greift auch an, entwickelt Mannschärfe.


Erst wenn ich also in der Lage bin, konfliktträchtige Situationen frühzeitig zu erkennen, habe ich überhaupt erst die Gelegenheit anstelle meines Hundes zu agieren. Traue ich mich das dann auch? Weiß ich, was in dieser speziellen Situation angemessen ist? Bin ich überhaupt in der Lage so schnell all diese Entscheidungen zu treffen? Die allermeisten Hundebesitzer registrieren diesen Moment gar nicht, wohl aber den Moment, wenn es zu spät ist. Sie überlassen die Handlungsentscheidung dann zwangsläufig ihrem Hund und hoffen, dass es gut geht. Tut es zum Glück auch in den allermeisten Fällen, da Hunde grundsätzlich zum eigenen Schutz bemüht sind zunächst Konflikte zu vermeiden oder gewaltfrei zu lösen.


Macht mein Hund regelmäßig die Erfahrung, dass ich seine Konflikte erkenne und ihn davor schütze bzw. sie für ihn löse, wird er sich entspannt zurücklehnen, sich auf mich verlassen und mir vertrauen, mir sogar vielleicht anzeigen, wenn eine für ihn relevante Situation naht und meine Reaktion einfordern. Meine Hündin schaut z.B. beim Spaziergang im Freilauf zu mir um, wenn andere Hunde entgegenkommen und fragt förmlich: Soll ich zu dir kommen, damit du mich sichern und entscheiden kannst, wie diese Begegnung ablaufen wird.

Die Mär vom Alpha-Hund, der gebrochen werden muss, um lenkbar zu werden ist genauso überholt, wie der Glaube, vor dem Hund durch die Tür gehen zu müssen, um ihm zu zeigen, wer die Hosen an hat. Das alles ist in der Welt des Hundes ziemlich irrelevant. Es kommt auf mein Verhalten in für den Hund existentiellen und damit relevanten Situationen an. Übernehme ich hier Verantwortung und strahle für den Hund die Energie aus, dass ich das auch erfolgreich, d.h. bestenfalls ohne Schaden für alle, lösen will und kann, dann wird der Hund auf mich achten, sich mir gerne anschließen und auf meine Führung vertrauen - andernfalls löst er es auf seine Weise.


Habe ich dieses Selbstverständnis, bin ich dazu bereit, diese Verantwortung zu übernehmen und bin ich davon überzeugt, dies auch leisten zu können, dann ist das für den Hund zu sehen, zu spüren und vor allem auch zu riechen, genauso wie jeder meiner Zweifel und Unsicherheiten. Sie sind hoch soziale Wesen, die den Menschen häufig viel besser lesen können als der Mensch umgekehrt sie. Eindrucksvoll wird das, wenn Hunde in den Händen ihrer Besitzer, die diese Form der Führung nicht leisten können, offensichtlich unkontrolliert auftreten, dann die Leine an denjenigen übergeben wird, der dem Hund nach kurzem Abgleich diese Führung anzubietet vermag und dann wie von Geisterhand ein entspannt folgendes Lamm an der Leine läuft.


Fragen Sie Ihren Trainer doch mal, ob er das, was er Ihnen versucht theoretisch zu vermitteln, mal an Ihrem (nicht an seinem eigenen) Hund zeigen kann. Lehnt er dies ab, wechseln Sie am besten sofort den Trainer. Läßt er sich zwar darauf ein, aber ihr Hund verhält sich ziemlich ähnlich wie bei Ihnen, wechseln Sie auch den Trainer. Erleben sie Ihren eigenen Hund plötzlich wie ausgewechselt in den Händen Ihres Trainers, dann haben Sie Ihren Lehrmeister gefunden!



Kommunikation

Wenn ich meinem Hund die eben beschriebene Führung verläßlich gebe, wird er Interesse an mir haben, sich auf mich einlassen und offen für eine Kommunikation mit mir sein, da ich einen Mehrwert für ihn darstelle, nämlich Verlässlichkeit und Sicherheit. Im Zweifel bedeutet das für den Hund mehr als das regelmäßige Dosenöffnen, das warme Bettchen oder die Streicheleinheiten, die ohne Zweifel natürlich auch einen Stellenwert haben.

Nun ist es meine Aufgabe eine "Sprache" zu finden, die ein Hund verstehen kann. Zu Beginn muss ich mir klar werden, wie ich erwünschtes und unerwünschtes Verhalten beantworten will. Erst dann bin ich in der Lage überhaupt ein neues Verhalten zu etablieren und abzurufen. Wie drücke ich Ja/Nein, Richtig/Falsch, 1/0, schwarz/weiß dem Hund gegenüber aus. Hier gibt es diverse Möglichkeiten, die gängiger Weise angeboten werden und zeitgemäß sind. Was früher die harte Hand, die Zeitungsrolle oder gar die Hundepeitsche als "Nein" markierte, erledigt heute die Stimmlage (hell=ja, dunkel=nein), ein Klicker für "richtig", das Ausbleiben des Klickers für "nicht richtig" oder das existentielle Futter als motivierender Lohn für erwünschtes Verhalten, der knurrende Magen für die Erkenntnis, was falsch gemacht zu haben. Kommunikation mit dem Hund bedeutet also zunächst ihm zu zeigen, was richtig und falsch ist.


Erfolgreiche Kommunikation mit dem Hund erfordert aber zusätzlich perfektes Timing: Kommt mein Ja oder Nein nicht unmittelbar, besteht die Gefahr für nicht gewollte Missverständnisse und falsche Verknüpfungen beim Hund. Gehen Sie davon aus, dass Ihr Hund Sie verstehen will, Ihnen gefallen will, denn Sie sind für ihn in vielfältiger Weise überlebenswichtig. Läuft also etwas schief, reflektieren Sie sich selbst, filmen Sie sich, seien sie selbstkritisch, lern- und anpassungsbereit. Holen Sie sich Rat bei Trainern/Philosophien verschiedener Ausrichtungen ohne sklavisch Handwerkszeug, dass nicht zu Ihnen paßt, schlecht anzuwenden oder einem selbsternannten Heilsbringer guruhaft zu folgen. Finden Sie Ihren Weg, denn im Grunde definieren Sie die Frequenz zu Ihrem Hund.


Teambildung durch gemeinsame Aufgaben

Interessiert sich Ihr Hund für Sie, da Sie ihm Führung verläßlich anbieten können, und haben Sie eine für den Hund verständliche Kommunikationsfrequenz etabliert, dann wird "Sitz, Platz, Komm und Bleib" sehr schnell nicht mehr nur ein schier unerreichbares Ziel sein, sondern lediglich die Basis für so viel mehr an gemeinsamen Aufgaben. Es bedarf im Grunde dann nur noch die Idee einer gemeinsamen Aufgabe und die Kenntnis darüber, wie man diese gemeinsame Aufgabe hundgerecht aufbaut, also passendes Handwerkszeug.


Der Hund wurde gezüchtet um eine Aufgabe für den Menschen zu erledigen. Es hört sich in einer Zeit, in der der Hund ganz häufig gesellschaftsfähiger Sozialpartner sein soll, eher befremdlich an, dass er sich ursprünglich mit der Erfüllung einer Aufgabe zu allererst eine Bleibe - Berechtigung erarbeitet hat, also den trockenen, warmen Platz und das lebensnotwendige Futter verdient hat. Viele spezielle Rassen entstanden, die hüten, schützen oder jagen. Alle Hunde, ob reinrassig oder gemischt, haben daher ein tief verankertes genetisches Programm, das die Triebe des ursprünglichen "Raubtieres Wolf" im Sinne eines Nutzen für den Menschen umlenkt und ausnutzt. Der Hund braucht also nicht nur eine Aufgabe, sondern er will sie von ganzem Herzen!


Da ich einen Magyar Vizsla, also einen Vollgebrauchsjagdhund, führe, versuche ich diesen Punkt nun am Beispiel Jagd zu verdeutlichen, ist aber für andere Bereiche, wie z.B. Schutzhunde- oder Hütehundearbeit, übertragbar:

Hinlänglich verstehen Menschen unter einem jagenden Hund einen Hund, der unhaltbar und ungebremst einem zufällig gefundenen Hasen hinterher hetzt und ihn tötet und frißt, sollte er ihn erwischen. Motivation des Jägers ist allerdings selbst Beute zu machen um der Natur ein hochwertiges Lebensmittel zu entnehmen, das den Jäger ernährt. Er benötigt also mit Nichten einen Hund der wildert, sondern vielmehr einen Hund, dessen Fähigkeiten seinen Zwecken dienen. Also einen Hund der mit seiner vorzüglichen Nase Wild aufspürt und anzeigt und Fährten ausarbeitet, um dann erlegtes Wild zu Lande oder zu Wasser seinem Jäger zu bringen (apportieren). Wenn Hund und Jäger lernen, diese Aufgabe als Team zu begreifen und bereit sind zu interagieren, entsteht neudeutsch eine wunderbare Win-Win-Situation. Der Hund darf und soll seine Triebe ausleben, sein genetisches Programm abspulen, seine Fähigkeiten einsetzen. Allerdings nicht zum Selbstzweck, sondern im Dienst der Sache um gemeinsam mit seinem Jäger Beute zu machen. Diese Triebbefriedigung ist für den Hund viel wertvoller als jedes Leckerli. Ein Jagdhund, der in seinem Jäger einen verläßlichen Führer erlebt, der ihm vermitteln kann, was er von ihm erwartet und das, was von ihm erwartet wird, auch gleichzeitig seine Triebe befriedigt, wird sich mit allem was ihm zur Verfügung steht, in den Dienst der Sache stellen. Das ist sozusagen der Jackpot für einen Jagdhund.

An genau diesem Punkt macht es sehr wohl einen Unterschied, ob der Trieb anhand eines Dummies kanalisiert werden soll oder in einer realen jagdlichen Aufgabe. Ein Hund der beides kennt, wird die Dummyarbeit erledigen, da er seinen Job machen darf, etwas zu suchen und zu bringen, wird den Apport mit kaltem Wild (zu Übungszwecken) richtig toll finden, aber bei der Arbeit mit warmen Wild im realen Jagdeinsatz das wahre Hundeglück zeigen und erleben. Wer das nicht kennt oder mit eigenen Augen gesehen und gespürt hat, wird es einfach nicht nachvollziehen können.

Das ist auch der Grund, warum ich im jagdlichen Bereich ein klarer Verfechter der Haltung bin, dass ein Jagdhund auch jagen dürfen soll und im Grunde nur in geeignete Jägerhände gehört.


Fazit: Das Handwerkszeug, einem Hund etwas beizubringen, ist leicht zugänglich in Kursen und Literatur. Es wird allerdings nur zum Erfolg führen, wenn der Mensch bereit und in der Lage ist, den Hund zu führen, mit ihm adäquat zu kommunizieren und sich gemeinsamen Aufgabe zu stellen, die an den Trieben des Hundes angelehnt sind!


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